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Willmy Magazin Nr. 6 | Oktober 2014

HISTORY MAUERFALL Elich“, stammelte Günter Schabowski am 9. Novem- Foto: imago/imagebrokers waren nur zwei halbe Sätze, und sie passtennoch nicht einmal richtig zusammen. „Das trittnach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüg- ber 1989 gegen 19 Uhr vor der versammelten Weltpresse. Damit brachte der SED-Funktionär einen Stein ins Rollen, der vier Stunden später die Mauer niederwalzte, zwölf Wochen später die SED und elf Monate später die ganze DDR. Ausgerechnet Schabowski, immerhin der ehemalige Chef redakteur des SED-Parteiorgans „Neues Deutschland“. Wie konnte ihm das passieren, was der Zeithistoriker Hans-Hermann Hertle vom Potsdamer Zentrum für Zeit- historische Forschung den „Super-GAU in der Geschichte Am Morgen des 10.11.1989 an der innerdeutschen Grenze: DDR-Bürger fahren der Pressekonferenzen“ nennt? vom Bezirk Erfurt ins Bundesland Niedersachsen. „Abstimmung mit den Füßen“ Eigentlich hatte er an diesem Abend nur ein neues Reise- seine Grenzzäune zum blockfreien Österreich ab – und in gesetz ankündigen sollen – oder, SED-umständlich formu- Moskau verkündete Gorbatschow Perestroika (Umbau) und liert: die Absicht der Staatsführung, den Teil eines Reise- Glasnost (Offenheit). Das sowjetische Außenministerium gesetzes vorzuziehen, der die „ständige Ausreise“ regelt. erklärte die Breschnew-Doktrin für tot, die die Ostblock- Wohlgemerkt: regelt. Um zu verstehen, wie Schabowski staaten für unmündig erklärt hatte. Nun galt die „Sinat- ein solcher Schnitzer unterlaufen konnte, muss man sich ra-Doktrin“: I did it my way. Nur die DDR-Staatsführung vor Augen führen, unter welchem Druck die DDR-Führung verweigerte sich hartnäckig jeder Reform. „Die Mauer wird an jenem 9. November bereits stand. Freiwillig hatte sie in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen“, verkünde- das Reisegesetz jedenfalls nicht erarbeitet. Wer „ständig te Erich Honecker am 19. Januar 1989. Viele DDR-Bürger ausreiste“, hatte nicht vor zurückzukommen, und das waren entsetzt. Gerade die jüngeren, die neuerdings mit taten zehntausende DDR-Bürger im Sommer und Herbst „Gorbi“-Stickern herumliefen, tuschelten auf der Straße 1989. Eine solche „Abstimmung mit den Füßen“ hatte die oder im Bus in vorsichtigen Halbsätzen: Erst mit 65 die DDR zuletzt in den frühen Sechzigern erlebt. Damals, am Welt sehen? Vielleicht nie? 13. August 1961, hatte die SED die Mauer bauen lassen. Und nun, 28 Jahre später, liefen dem Arbeiter- und Bauern staat Überfüllte Botschaften schon wieder die Arbeiter und Bauern weg, trotz Mauer Der Gedanke an Flucht wurde attraktiver. Dass die Grenze und trotz der acht Jahre Haft, die jeder riskierte, der beim zwischen Ungarn und Österreich Löcher bekommen hat- „ungesetzlichen Grenzübertritt“ verhaftet wurde. Sie nah- te, war bekannt. Viele stellten nun Reiseanträge für einen men dafür Umwege in Kauf – über Ungarn und Österreich, Campingurlaub in Ungarn und reisten an – und über – die über die westdeutschen Botschaften in Warschau und Prag Grenze. Mitte September öffnete die ungarische Reform- oder die „Ständige Vertretung der BRD“ in Ost-Berlin (eine regierung die Grenze zu Österreich komplett – sie hatte Botschaft unterhielt sie dort nicht, denn das hätte ja bedeu- keine Lust mehr, für die DDR die Grenzpolizei zu spielen. tet, die DDR anzuerkennen). Zehntausende Ostdeutsche machten rüber. Gleichzeitig lie- fen die westdeutschen Botschaften mit Flüchtlingen voll, Vielleicht nie die Welt sehen? allein in Prag waren es Ende September an die 5.000. Sie In jenem Sommer 1989 stand die DDR im Ostblock schon waren über die Zäune geklettert, nun wohnten sie in Zel- ziemlich allein da. In Polen beriet seit Februar der Runde ten, standen stundenlang an provisorischen Toiletten an, Tisch über den Übergang zur Demokratie, Ungarn baute prügelten sich mit vermeintlichen Stasi-Spitzeln. 30 WILLMY MAGAZIN | OKTOBER 2014


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