Page 31

Willmy Magazin Nr. 6 | Oktober 2014

HISTORY MAUERFALL Foto: Screenshot Tagesschau nicht ständig ausreisen wollten, Forderungen stellen. Und eine wichtige hieß: Reisefreiheit. Hunderttausende demonstrieren Überall im Land schwollen die Demonstrationen an. In Leipzig demonstrierten Montag für Montag hunderttau- sende, und eine Million Menschen forderte am 4. Novem- ber auf dem Berliner Alexanderplatz Reisefreiheit und beschimpfte die Partei. „Kaputte Städte, Wälder, Seen – SED, wir danken schön“, stand auf einem Plakat. In der Hoffnung, den Volkszorn noch lenken zu können, setzte das Politbüro Günter Schabowski auf die Rednerliste der Tagesschau am 9. November 1989: Die Nachrichten an diesem Abend trieben Kundgebung. Er wurde ausgepfiffen. Auf Krenz’ Schreib- viele Menschen an die Mauer. tisch lag zudem ein Ultimatum der tschechoslowakischen Regierung: Die DDR solle sich mit ihren Grenzen schnells- tens etwas einfallen lassen – entweder alle schließen oder „Keine Träne nachweinen“ die zur BRD öffnen. Solche Nachrichten konnte die DDR-Führung nicht gebrau- chen – sie steckte mitten in den Vorbereitungen zu ihrem Geheime Verhandlungen 40. Jahrestag. Schließlich erlaubte sie den Botschaftsbeset- Ein Reisegesetz musste her. Viel Zeit blieb dafür nicht, zern die Ausreise in die BRD. Am Abend des 30. Septem- höchstens ein paar Tage. In geheimen Verhandlungen mit ber erschien der westdeutsche Außenminister Genscher Bonn versuchten DDR-Gesandte noch hektisch (und vergeb- auf dem Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag und lich), die Mauer als Faustpfand einzusetzen: Reisefreiheit sprach: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzutei- gegen Milliardenkredite. Die Mauer war „die letzte kredit- len, dass heute Ihre Ausreise ...“ Weiter kam er nicht, der würdige Immobilie“ der bankrotten DDR, spotteten Zeitge- Rest ging im Jubel unter. Noch so ein unvollständiger Satz nossen. Krenz wollte sich das Gesetz vom Zentral komitee jener Tage. Insgesamt 17.000 Menschen reisten nun in die (ZK) der SED absegnen lassen, das Anfang November am BRD – in versiegelten Wagen, durch die DDR. Stasi-Beamte Werderschen Markt tagte – heute ist dort das deutsche nahmen ihnen die Pässe ab. Man werde ihnen „keine Träne Außen ministerium untergebracht. Beamte des Innen- und nachweinen“, keifte die DDR-Zeitung „Neues Deutschland“. des Staatssicherheitsministeriums arbeiteten am Morgen des 9. November eine Übergangsregelung für die „stän- „Wer zu spät kommt, …“ digen Ausreisen“ aus; ein allgemeines Reisegesetz sollte Anfang Oktober reiste Gorbatschow zur 40-Jahr-Feier der folgen. Die Regelung sollte vor allem den Druck von den DDR, ertrug Erich Honeckers sozialistischen Bruderkuss Grenzen nehmen. und ließ ihn dann wissen: „Wer zu spät kommt, den be- straft das Leben.“ Wenige Tage später, am 17. Oktober, säg- Entscheidenden Satz übersehen te das SED-Politbüro Honecker ab. Der neue starke Mann Aus heutiger Sicht mutet es absurd an, dass man eine hieß Egon Krenz, doch besonders stark war er nicht mehr: Privatreise überhaupt erst beantragen musste, doch im Krenz konnte allenfalls noch entscheiden, wohin er den November 1989 war schon der folgende Satz im Gesetzent- Druck verlagern wollte. Und der Druck kam jetzt von allen wurf revolutionär: „Die zuständigen Abteilungen Pass- und Seiten, aus Leipzig, Prag und Berlin. Durch die offenen Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind Grenzen in Ungarn (und inzwischen auch der Tschecho- angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu slowakei) hatten sich die Machtverhältnisse im Staate DDR erteilen.“ Das Wort „unverzüglich“ muss Schabowski spä- dramatisch verschoben: Plötzlich konnten die Bürger, die ter bei der Pressekonferenz ins Auge gesprungen sein. So WILLMY MAGAZIN | OKTOBER 2014 31


Willmy Magazin Nr. 6 | Oktober 2014
To see the actual publication please follow the link above