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Willmy Magazin Nr. 6 | Oktober 2014

HISTORY MAUERFALL wortlaut „ Nein, das glaube ich nicht, äh, wir wissen um diese Ten- aufgegriffen worden, dass man aus dem Entwurf des denz in der Bevölkerung, um dieses Bedürfnis der Bevöl- Reisegesetzes den Passus herausnimmt und in Kraft treten kerung, zu reisen oder die DDR zu verlassen. Und, äh, wir lässt, der – wie man so schön sagt oder so unschön sagt – haben die Überlegung, dass wir alle die Dinge, die ich hier die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Repub- vorhin beantwortet habe oder zu beantworten versucht habe lik. (...) Und deshalb, äh, haben wir uns dazu entschlossen, (...), nämlich eine komplexe Erneuerung der Gesellschaft, äh, heute, äh, eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der zu bewirken und dadurch letztlich durch viele dieser Elemen- DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der te, äh, zu erreichen, dass Menschen sich nicht genötigt sehen, DDR, äh, auszureisen.“ in dieser Weise ihre persönlichen Probleme zu bewältigen. (...) Also, die Aufnahmekapazität der BRD ist im Grunde er- Foto: Screenshot schöpft. (...) Äh, die Unterbringung ist aber das Geringste für den Aufbau einer Existenz. Entscheidend, wesentlich ist das Finden von Arbeit, ja, und die notwendige Integration in diese Gesellschaft, die weder dann gegeben ist, wenn man in einem Zelt haust oder in einer Notunterkunft oder als Arbeitsloser dort rumhängt. Also, wir wollen durch eine Reihe von Umständen, dazu gehört auch das Reisegesetz, die Chance also der souverä- nen Entscheidung des Bürgers zu reisen, wohin er will. Äh, wir sind natürlich, äh, besorgt, dass also die Möglichkeit dieses Reisegesetzes – es ist ja immer noch nicht in Kraft, es ist ja ein Entwurf. Allerdings ist heute, soviel ich weiß, eine Entscheidung Nach diesen Ausführungen Schabowskis kam die Frage, wann die Regelung getroffen worden. Es ist eine Empfehlung des Politbüros in Kraft trete. Er kratzte sich am Kopf und sagte die entscheidenden Worte. Der berühmte Satz wie er Jahre später sagte, merkte er nicht – ja, nicht ein- Die Journalisten waren verwirrt, Fragen prasselten auf mal, was in den nächsten Stunden geschah. Er ließ sich in Schabowski ein: „Mit Pass?“, „Gilt das auch für West- sein Haus nach Wandlitz fahren. Nun schlug die Stunde der Berlin?“, „Wann tritt das in Kraft?“ Schabowski kratzte sich Westmedien – sie mussten interpretieren, was Schabowski am Kopf, blätterte in seinen Unterlagen – und dann sagte wohl gemeint hatte. Und sie waren es, die letzten Endes den er seinen berühmten Satz: „Das tritt nach meiner Kenntnis Mauer fall „maßgeblich beförderten, ja sogar herbeiführten“, ... ist das sofort, unverzüglich.“ Unverzüglich. Und nicht, schreibt Hans-Hermann Hertle. Gleich nach der Pressekon- wie auf seinem Zettel ausdrücklich stand, am nächsten ferenz meldeten die westlichen Nachrichtenagenturen, die Tag. „Der muss total verrückt sein!“, entfuhr es einem ent- DDR öffne ihre Grenze zur BRD. In der „Tagesschau“ um setzten DDR-Funktionär in einem Telefonat. Ohne das Wort 20 Uhr hieß es, die Mauer würde „über Nacht durchlässig“. „unverzüglich“ hätte die nun folgende Nacht wohl keine Eine weitere Stunde später verkündeten einige Sender, die solche Dynamik entwickelt. Grenze sei bereits geöffnet worden. Die ersten Berliner tauchten an den Grenzübergängen auf: an der Bornholmer Ereignisse überschlagen sich Straße, der Sonnenallee oder am Brandenburger Tor. Sie Nach der Pressekonferenz war Schabowski völlig erledigt. wollten schauen, ob es stimmte, was sie im Fernsehen und Dass er zu einem „Werkzeug der Geschichte“ geworden war, im Radio gehört hatten. Doch noch war die Grenze zu. WILLMY MAGAZIN | OKTOBER 2014 33


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